Singende Waldmüllmänner als Taxiunternehmer

Auf dem Waldboden sind alle Pflanzen als Nahrung für zahlreiche Tiere, Säugetiere wie Insekten sehr beliebt. Nagetiere wie die Waldmaus fressen an Gräsern, Samen und Wurzeln. Auch größere Pflanzenfresser, wie Rehe, Rothirsche und Schwarzwild suchen am Waldboden nach verfügbarem Grün.
Um bei so viel Konkurrenz einen erfolgreichen Job in seiner ökologischen Nische zu erlangen, muß man meist „schnell sein“! Nicht nur in Bezug auf das Auffinden von Nahrungsquellen sondern auch in der Fortbewegung von Nahrung zu Nahrung. Als kleines Insekt und Verwerter von frischem Grün ist eine zügige Entwicklungszeit von Vorteil, denn die Pflanzen im Unterwuchs unserer Waldgebiete sind als Nahrungsquellen meist nur im Frühjahr in ausreichender Menge verfügbar. Lilienhähnchen fressen hier an Maiglöckchen; Kaisermantel-Raupen an den Knospen der Veilchen; Fleckenspanner-Raupen am Salbei-Gamander und verschiedene Blattkäfer und Insekten haben jeweils ihre Pflanzen ausgewählt. Im Gegensatz zu der Eile, die bei vielen kleinen Blattverkostern zu herrschen scheint, haben sich die Mistkäfer in fester Ankopplung an die erfolgreichen Säuger des Waldes mit nahezu stoischer Ruhe etabliert. Dung fällt immer an! Im Vergleich zu vielen bodenbewohnenden Käfern bewegt er sich eher langsam und gemütlich. Nur nachts fliegen manche von ihnen umher, wenn der Geruch einer frischen Losung „zwischen ihre Lamellen steigt“. Ansonsten sind die Waldmistkäfer meistens zu Fuß unterwegs und sorgen als gemütliche Müllmänner dafür, dass der Kot der Säuger meist sehr zügig vom Waldboden geräumt wird. Dabei sind sie bei der Eindämmung der Verbreitung von Parasiten und Krankheiten sehr nützlich.

Einordnung der Mistkäfer in die Verwandtschaft

Die eigentlichen Mistkäfer (Geotrupiidae) gehören zu den Lamellentragenden Käfern (Lamellicornia). Das heißt, dass Ihre Fühler am Ende in lamellenförmigen Fächern enden. Diese Ähnlichkeit zu der entfernteren blattfressenden Verwandtschaft, den Maikäfern, Pinsel- und Rosenkäfern sowie dem „legendären Hirschkäfer“, der wegen seiner Lebensweise im Holz aber einer anderen familiären Gruppe zugeordnet wird, zeichnet einen echten Mistkäfer aus! Die Mistkäfer werden innerhalb der großen Gruppe aber nicht, wie der Maikäfer zu den PHYTOPHAGA (Pflanzenfressern) sondern zu den KOPROPHAGA (Kotfressern) gestellt. Zudem besitzen die meisten echten „Mistkäfer“ ein rundliches Aussehen. Mit dieser „Bulldozer-Form“ bohren sie gleichmäßige Gänge und Röhren, in denen der Nachwuchs mit einer Portion Dung verproviantiert und zurückgelassen wird. Bei uns gibt es zahlreiche „Mistkäferarten“, die je nach Region und Klima aber auch in gewisser Abhängikkeit und Bindung zu den größeren Säugern ihrer Region stehen. Neben den klassischen Mistkäfern sind hier noch weitere Dungbewohner und Verwerter von Abfallstoffen vorgestellt.
 
Vorstellung einiger Abfallverwerter:

Ontophagus

Die Gattung Ontophagus aus einer Nachbarfamilie der Mistkäfer, den Dungkäfer, lebt zum Beispiel gerne an warmen Plätzen – oft in Dung-Fladen oder auch in Kompost oder Misthaufen - also ist für sie auch menschliche Nähe von Bedeutung! Die sogenannten „Kotfresser“-Arten sind oft durch Querleisten am Kopfschild zu erkennen und mehrere Arten haben ein dunkles Halsschild und hellbraun marmorierte Flügeldecken. Onthophagus gräbt sein Gänge meist direkt im, bzw. unter dem Dung-Substrat und wird deshalb vielleicht seltener entdeckt. Jede Larve erhält einen einzelnen eigenen Gang.
 

Lethrus apterus

Sehr große Art (ca 2 cm) aus der Gruppe der Geotrupinen, den eigentlichen Mistkäfern; zeigt eine außergewöhnliche Ernährungsweise. Der Käfer ist ab Anfang April zu finden. Die Art Lethrus apterus, der Rebenschneider (a-pterus =ohne-flügel) liebt offene steppenartige Gebiete und lebt paarweise in tiefen Erdlöchern. Anstelle von „Mist“ tragen diese Tiere gerne Löwenzahnblätter und Gräser ein, die sie in Ihren Gängen als Nahrung für die jungen Larven nutzen. Sie „vergehen“ sich aber wohl auch manchmal an jungen Weintrieben. Daher wurde die Art oft vom Menschen verfolgt und ist heute sehr selten. Bei uns ist die Art, wenn überhaupt nur an wärmebegünstigten Stellen zu finden und unter intensiver Bewirtschaftung ohnehin kaum mehr zu finden, da - einmal zurückgedrängt - die flügellosen Käfer nur sehr bedingt zu einer Neubesiedlung fähig sind. Ihre breite, scharfe abgeplattete Schnauze und ihr tief U-förmig eingezogenes Halsschild machen sie zu einer besonderen Erscheinung! Die Männchen sollen mit Ihrer Panzerung und den starken Kiefern recht selbstbewusst und erfolgreich die Röhreneingänge bewachen!
 

Aphodius

Diese Gattung gräbt keine Gänge, sondern ist direkt im „Mist“ zu finden. Einzelne Tiere leben speziell im Kot von Hasen, Rehen oder Hirschen, wo sich die Larven direkt im Inneren der Kotkugeln ernähren und verpuppen. Aphodius-Arten sind daher auch meist nur etwa 5-8 mm groß. Ihre Gruppe sind die Dungkäfer. Ihre Körpergestalt ist eher etwas länglich geformt und die stark geschwungenen Hinterbeine zum „Kugeln“ fehlen Ihnen. Auch die grabenden „Unterarme“ sind nicht so kräftig, wie bei den Geotrupes -Arten.
 

Geotrupes

Die Geotrupinen leben, wie der Name schon andeutet, in der Erde. Sie formen keine Kugeln aus dem Dung, den sie finden, doch schieben sie ihr Substrat meist noch in der Nähe des Fundplatzes mit den Hinterbeinen voran in Ihre tiefen Schächte. Eine der häufigsten und größten Arten ist der abgebildete Geotrupes stercorarius. Ähnlich groß wird der weniger glänzende, meist sehr dunkle Geotrupes mutator, dessen hintere Beinglieder aber weniger deutliche Zacken aufweisen. Die zwei kleineren Arten sind der im Wald sehr häufige, blau glänzende Waldmistkäfer, Geotrupes sylvaticus und der sehr bunt schillernde Geotrupes vernalis, der in sandigen Gebieten vorkommt. Geotrupes vernalis hat übrigens keine Längsrillen in den Flügeldecken und ist daher zweifelsfrei zu erkennen. Alle Geotrupes-Arten haben eine 3-fächrige Lamelle an der Fühlerspitze.

Ein weiterer unverwechselbarer Mistkäfer, der an trockenen, warmen sandigen Standorten lebt, ist der Stierkäfer! Im Sand sollen seine Gänge oft noch weit über die „normale Tiefe“ seiner Verwandten (40-70 cm) hinausgehen und bis zu fast 2m reichen. Hier bleibt die Temperatur und die Feuchtigkeit auch in Sandflächen angenehm konstant. Dabei erreichen dann die Gänge beinahe etwa das 150-fache seiner Größe!
 

Die „Sänger und Taxiunternehmer“

Wenn wir unseren häufigsten Mistkäfer, den Waldmistkäfer im Wald antreffen, bewegt sich dieser meist sehr lang- sam. Dennoch ist er durch seine star- ke Panzerung, seine Bedornung der Schienen und seine große Kraft ge- genüber den meisten räuberischen Wirbellosen des Waldbodens gut geschützt. Tiere wie der Igel, Spitzmäuse und Steinkäuze werden ihm allerdings gefährlich. Gerade in den Gewöllen der Steinkäuze können wir die Reste seiner Flügeldecken neben denen der großen Laufkäfer entdecken.

Damit er sich noch besser verteidigen kann, und als Beute gemieden wird, kann er mit lautem zischenden Zirpen durch Reiben spezieller Chitin-Platten und Schuppen seiner Beine am Körper die potentiellen Angreifer oft verwirren, wie es ja auch die Großen Bockkäfer-Arten (Eichenheldbock, Schusterbock etc.) tun. Ameisen mögen Ihn wohl wegen dieser spitzen Töne auch nicht lange verfolgen, da sie durch das Gezirpe irritiert werden. Wenn wir also einmal auf einen Mistkäfer treffen, können wir uns das Tier zwischen Daumen und Zeigefinger vorsichtig neben dem Ohr haltend ja mal kurz anhören. Aber Vorsicht! Landet der Käfer im Ohr, kann sein „Abwehrstrampeln“ etwas unangenehm werden!

Neben dieser Sangeslust sind die Waldmistkäfer geradezu das ideale Taxiunternehmen für noch kleinere Dungbesucher: Viele Milben, die die auf den Dungpartikeln keimenden Pilze und Mikroorganismen fressen, lassen sich als Begleiter teils in großer Zahl von –zig Stück von einem „Festmahl“ zum nächsten transportieren. So belebt die Ankunft eines Mistkäfers oft zusätzlich das Dung-Biotop und beschleunigt den Abbau der Exkremente, wenn die“Taxikunden“ nach dem Absteigen ihre Arbeit verrichten. Die Mitreisenden, die ohne erkennbaren Nutzen aber auch ohne Schaden für den Träger bleiben, werden als Kommensalen bezeichnet. Der Schiffshalter, der Reste der Beute größerer Raubfische einverleibt ist vielleicht ein weiteres Beispiel für Lebewesen in dieser speziellen Ökologischen Nische – allerdings aus dem Meer.

Der Heilige „Pillendreher“

Es ist bekannt, dass der Pillendreher den Ägyptern heilig war. Für die Ägypter war der Heilige Scarabaeus (Scarabaeus sacer) ein Symbol für den ewigen Wechsel von „Werden und Vergehen“. „Sacer“ ist das Wort für heilig… wir kennen es aus den „Sakramenten“ oder sakralen Gegenständen im eigenen Sprachgebrauch. Die Ägypter sahen in der Kugel, die der Käfer oft sogar bergan rollt, ein Symbol für die Sonne und Ihren Lauf. Der Käfer war für sie „CHEPRE“ der Gott der aufgehenden Sonne… der Sonnengott wandelte seine Gestalt am Mittag in „HORUS“ (Horus-Falke), den Gott der Mittagssonne und später in „ATUM“, den Gott der untergehenden Sonne. In großen Mengen sorgten die Käfer dafür, dass wertvollen düngenden Ausscheidungen der Haustiere nicht an der Oberfläche verloren gingen, sondern im Boden“ aufgearbeitet wurden. Die Bodenfruchtbarkeit wurde durch Einträge von Nährstoffen und Durchlüftung aufrechterhalten und erhöht! Junge Käfer – das Leben erneuerte sich ständig – emporsteigend aus dem Boden und dem „toten Material“.

Zwar tritt der „echte“ Ägyptische Pillendreher in Europa nicht auf, doch: Auch bei uns gibt es eine Art, die wirklich schöne Mist-Kugel-Pillen rollt. Die Fähigkeit, Dungkugeln zu rollen, zeigt eine hohe Anpassung an den Lebensraum, denn diese Weiterentwicklung ermöglicht es, größere Mengen von Dung über weitere Strecken zu transportieren. Dadurch kann der Eiablageplatz weiter entfernt von der eigentlichen Dungquelle liegen, was es wiederum etwaigen Parasiten und Feinden erschweren dürfte, die Käfer aufzufinden.

Das europäische Gegenstück zum Pillendreher ist die Art Sysiphus schaefferi. Durch seinen fleißigen Einsatz auf sandigen, trockenen Weiden und sein nahezu unermüdliches Rollen von Dungkugeln erhielt er den Namen des Sysiphus aus der griechischen Mythologie.
 

Einige Fragen zum Text

  • Welche Käfergattung legt Ihre Eier direkt in die fertigen Dungkugeln?
  • Welcher Mistkäfer hat eine eher vegetarische Lebensweise entwickelt?
  • Welcher Mistkäfer hat ganz glatte, blau–glänzende Flügeldecken?
  • Weshalb sind Mistkäfer für den Wald so wichtig?
  • Welche Mistkäfer-Art ist „gehörnt“?
  • Wie tief können Mistkäfer ihre Gänge graben?
  • Welche Gattung der Mistkäfer kann „zirpen“? Weshalb?
  • Was fressen die „Begleiter“ der Waldmistkäfer?
  • Wie nennt man „unschädliche blinde Passagiere“ in der biologischen Fachsprache?
  • Welche Eulenart, die gerne zu Fuß jagt, fängt auch gern den Mistkäfer?
  • Welche zirpenden Käferarten kennst Du?
  • Welche Mistkäfergattung trägt Querleisten am Kopf?
  • „Archae(o)“ bedeutet: „alt“…. Was bedeutet: „Archaeopteryx“?
  • Wie heißt der Ägyptische Gott des „Sonnenaufgangs?“

Viel Spaß beim Beobachten und Kennenlernen wünscht Euch Euer Frank!
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